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Predigerkirche > Dominikanerorden > Meister Eckhart

Meister Eckhart

Der Dominikaner Meister Eckhart von Hochheim

1. Biographische Skizze
2. Werke
3. Christliche Lebensgestaltung zwischen Kontemplation und Aktion
4. Predigt-Programm
5. Literatur

1. Biographische Skizze
Mit dem Dominikaner Eckhart, der üblicherweise Meister Eckhart genannt wird, treffen wir auf einen originellen und universellen Kopf der europäischen Geistesgeschichte.
Die Lebensdaten von Meister Eckhart sind vor allem für die Zeiten gesichert, wo er offizielle Funktionen wahrnahm. Manche Zeitangaben zu seiner Person sind ungewiß. Das betrifft auch sein Geburtsdatum. Um 1260 wurde er in Tambach (Thüringen) geboren. Der Name "Eckhart von Hochheim", der in einem Register der Pariser Universität auftaucht, ist als Familienname, nicht als Herkunftsbezeichnung zu verstehen. Es liegt nahe, daß Eckhart einer niederen Adelsfamilie entstammte. Vermutlich trat er in das Erfurter Dominikanerkloster ein, wo er die erste Ausbildung erhielt. Es folgte der Wechsel nach Köln, also in einen angesehenen Studienort. Nach dem Studium der Freien Künste folgte das Theologiestudium. Von da an war sein Leben von einer enormen Reisetätigkeit und Arbeitsleistung geprägt. Eckhart wurde in Köln Schüler von Albertus Magnus, einem der führenden Gelehrten seiner Zeit. Für das Jahr 1293 ist die Anwesenheit Eckharts in Paris dokumentiert. An der damals berühmtesten Universität des Abendlandes schloß er das Theologiestudium ab und nahm eine erste akademische Lehrtätigkeit auf. Von 1294 bis 1298 wirkte Eckhart als Prior des Dominikanerklosters in Erfurt und als stellvertretender Provinzial. Das Amt als Provinzial, das vor allem in der Visitation und der geistlichen Betreuung der Klostergemeinschaften bestand, hatte er bis 1302 inne. In diesem Jahr schickte ihn seine Ordensleitung abermals nach Paris, wo er die Lehrerlaubnis erhielt, die ihn zum "magister" machte. Seit dieser Zeit trug er den Titel "Meister". Nach der ehrenvollen Lehrtätigkeit in Paris wurde er mit wichtigen Ordensämtern in Sachsen und Böhmen betraut. 1310 wählte ihn das Kapitel zum Provinzial der "Teutonia". Doch schon 1311 ging er für zwei Jahre wiederum an die Pariser Universität.

Ab 1314 wirkte er als Seelsorger, Prediger und Lehrer in Straßburg und am Oberrhein. Aus dieser Zeit sind zahlreiche Kontakte zu mystisch orientierten Kreisen belegt, wobei es sein Anliegen wurde, spezifische Elemente der Frauenspiritualität aufzugreifen und sie theologisch und philosophisch zu formulieren. Gleichzeitig kann man davon ausgehen, daß die mystische Frömmigkeit der Nonnen und Beginen eine wichtige Inspirationsquelle für den Gelehrten wurde.
Ab 1323 war Meister Eckhart in Köln, wo er als "magister" für die Dominikaner wirkte. Dies ist zugleich die Phase von heftigen Auseinandersetzungen zwischen reformfreudigen und reaktionären Kräften innerhalb des Ordens. Im Zuge einer Visitation wurde Eckhart vermutlich von gemaßregelten Mitbrüdern verleumdet. 1326 eröffnete der Bischof von Köln, Heinrich von Virneburg, aufgrund dieser Denunziationen ein Inquisitionsverfahren gegen ihn und 1327 mußte sich Eckhart vor einer Kommission verantworten. Er wehrte sich gegen die Vorwürfe, betonte nachdrücklich seine Rechtgläubigkeit und legte bei der Kurie in Avignon Beschwerde ein. Meister Eckhart nahm die weite Reise auf sich, um sich persönlich vor der päpstlichen Kommission zu verteidigen und ist wohl Anfang 1328 in Avignon, wohin der päpstliche Hof unter Druck der französischen Krone verlagert worden war, oder auf der Rückreise gestorben. Sein Grab ist unbekannt.
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2. Werke
Meister Eckhart hat ein umfangreiches Schrifttum in deutscher und lateinischer Sprache hinterlassen. Mit der sprachlichen Unterscheidung läßt sich auch eine methodische Einteilung vornehmen. Während das lateinische Werk den philosophisch-theologischen Interessen des Dominikaners zuzuordnen ist, zeigen sich in den deutschen Schriften eher die seelsorglichen Absichten. In seinen wissenschaftlichen Schriften will Meister Eckhart die Inhalte der Hl. Schrift und des Glaubens durch die natürliche Vernunft der Philosophen darlegen. Dazu hatte er ein "Dreigliederiges Werk" ("Opus Tripartium") geplant, das aber nur in Teilen (theologische Abhandlungen und Diskurse, Schriftkommentare) fertiggestellt werden konnte. Um das Neuartige seines philosophisch-theologischen Werkes scheint er gewußt zu haben, denn in der Vorrede zu dem "Opus Tripartium" erklärt er, daß ihn seine Mitbrüder gedrängt hätten, "Neues und Ungewöhnliches" in seine Arbeiten aufzunehmen, da dieses einen angenehmen Reiz auf das Gemüt ausübe. Ausdrücklich will er also nicht nur das Übliche und Gewohnte vermitteln.
Das deutschsprachige Werk umfaßt drei Traktate und ca. 100 Predigten. Die Predigten sind zunächst als Mitschriften angefertigt und in einem zweiten Schritt von Meister Eckhart überarbeitet worden.
Bezüglich der inhaltlichen und methodischen Vorgehensweise in seinem Werk erscheint Meister Eckhart als ein Mensch, der philosophisches Studium und mystische Spiritualität in Einklang zu bringen versucht. Philosophie und Mystik verschmelzen bei ihm zu einer Lebensfigur, da die Philosophie in ihrem Vorstoß zum Absoluten an die Grenzen der Sprache gelangt und darin der mystischen Begegnung ähnlich wird. Zudem kann der Denker, der die unendliche Einheit Gottes zu betrachten sucht, nicht außerhalb dieser Einheit denken bzw. gedacht werden. Für den Umgang mit seinen Schriften bedeutet dies, daß nicht allein seine deutschsprachigen oder seine lateinischen Schriften zum Verständnis herangezogen werden dürfen.
Meister Eckhart gehört zu den Menschen, die radikal bis an die Grenzen der eigenen Auffassungsgabe denken. Er schaltet das Denken nicht aus und überläßt sich nicht einem frommen Gefühl, sondern ist ein Grenzgänger der Vernunft. In seinen Schriften finden sich sowohl Texte von geschliffener Logik und intellektueller Dichte als auch Sprachbilder, die von Kreativität und Einfühlsamkeit zeugen. So spricht er in einer Predigt von dem Grund der menschlichen Seele als einem "bürgelîn":

"... Ich habe euch aber noch nicht gesagt, was das ,Burgstädtchen' sei, so wie ich denn jetzt darüber sprechen will. ... Seht, nun merkt auf! So eins und einfaltig ist dies ,Burgstädtchen' in der Seele, ... , daß jene edle Kraft, von der ich gesprochen habe, nicht würdig ist, daß sie je ein einziges Mal nur einen Augenblick in dies Bürglein hineinluge. ... Seht, so wie Gott eins und einfaltig ist, so kommt er in dieses Eine, das ich da heiße ein Bürglein in der Seele, und anders kommt er auf keine Weise da hinein; sondern nur so kommt er da hinein und ist darin. Mit dem Teile ist die Seele Gott gleich und sonst nicht. ... Daß wir so ein ,Bürglein' seien, in dem Jesus aufsteige und empfangen werde und ewig in uns bleibe in der Weise, wie ich's gesagt habe, dazu helfe uns Gott."

In einer Predigt über die Möglichkeiten des Menschen, Gott zu erkennen und auf sein Wort zu hören, nutzt Meister Eckhart einen Vergleich mit dem menschlichen Auge und der Sehkraft, die sich in der Tätigkeit des Sehens aktualisiert. Unter der Hinsicht, daß alles Seiende in Gott gründet, ist das Auge des Menschen eins mit dem Auge, in dem Gott mich sieht. Wenn der Mensch ganz leer wird von allem Geschaffenen, kann er "ein Lieben" mit Gott werden. Dieser tiefe Gedanke wirkt gleichsam wie das Fazit seiner Lehre:

"Soll mein Auge die Farbe sehen, so muß es ledig sein aller Farbe. Sehe ich blaue oder weiße Farbe, so ist das Sehen meines Auges, das die Farbe sieht - ist eben das, was da sieht, dasselbe wie das, was da gesehen wird mit dem Auge. Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben."
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3. Christliche Lebensgestaltung zwischen Kontemplation und Aktion
Mystik kann leicht als Instrument der Weltvereinfachung mißverstanden werden. Gleichgültigkeit und Desinteresse werden dann leicht als Ausdruck von Frömmigkeit interpretiert nach dem Motto: Ich bin fromm und muß mich daher nicht um die banalen Dinge kümmern! Solche Einstellungen nennt Meister Eckhart unmißverständlich "Verzärtelung", und er setzt ihr die Notwendigkeit von reifem und mündigem Handeln entgegen. Das Muster einer solchen Haltung fand er in der biblischen Gestalt der Martha von Bethanien.
Die recht kurze Schriftstelle (Lk 10,38-42), die vom Besuch Jesu im Haus der Martha berichtet, gehört zu denen, die in der christlichen Auslegungstradition geradezu diametral ausgelegt wurden. Dabei ist vor allem der unmittelbare Kontext (Lk 10,25-37), d.h. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, sehr verschieden gewichtet worden. Wird dieses Gleichnis als Verstehenshintergrund angenommen, wird es schwerlich möglich sein, die ,ätherisch-geistliche' Maria gegen die ,arbeitsbienenfleißige' Martha abzusetzen.
Zunächst aber der Text in der Übersetzung von Fridolin Stier:

"Als sie weiterwanderten, kam er in ein Dorf.
Eine Frau namens Martha nahm ihn in ihrem Haus auf.
Sie hatte eine Schwester, die Maria gerufen wurde.
Sie hatte sich dem Herrn zu Füßen gesetzt und hörte auf sein Wort.
Martha aber mußte sich schinden mit vielen Diensten.
Und sie trat auf und sprach:
Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mich allein dienen läßt?
Sag ich doch, daß sie mit mir zufaßt.
Der Herr aber hob an und sprach zu ihr:
Martha, Martha! Du sorgst dich und regst dich über vieles auf;
aber man braucht nur eins.
Maria hat sich also den guten Teil erwählt, der ihr nicht genommen werden soll."


In einer Predigt über diese Schriftstelle rückt Meister Eckhart Martha in den Blickpunkt. Entsprechend der biblischen Vorlage, die auch zunächst von Martha spricht, die ja ein eigenes Haus besitzt, zeichnet er das Bild einer selbständigen und hilfsbereiten Frau. Und nicht nur das - Martha lebt schon in der Abgeschiedenheit:

"Auch Martha trieben drei Dinge, die sie umhergehen und dem lieben Christus dienen ließen. Das eine war ein gereiftes Alter und ein bis ins Alleräußerste durchgeübter Seinsgrund; deshalb dünkte sie, daß niemandem das Tätigsein so gut anstünde wie ihr. Das zweite war eine weise Besonnenheit, die das äußere Werk recht auszurichten wußte auf das Allerhöchste, das die Liebe gebietet. Das dritte war die hohe Würde des lieben Gastes."

Oftmals wird Martha in der kirchlichen Tradition als eine unausgewogene und auf das Unwesentliche fixierte Frau verstanden. Marthas Bitte, Christus möge Maria auffordern, ihr zu helfen, deutet Meister Eckhart allerdings nicht als Akt der Aggression, sondern als eine liebevolle, scherzhafte und weitsichtige Korrektur. Sie weiß offensichtlich, wie es um ihre Schwester steht, und sie ahnt bei ihr die Einseitigkeit einer frommen Illusion:

"Nun sagt Martha: ,Herr, heiß sie, daß sie mir helfe.' Dies sprach Martha nicht aus Unwillen; sie sprach es vielmehr aus liebendem Wohlwollen, durch das sie gedrängt wurde. Wir müssen's nun wohl liebendes Wohlwollen oder eine liebenswürdige Neckerei nennen. Wieso? Gebt acht! Sie sah, daß Maria in Wohlgefühl schwelgte zu ihrer Seele vollem Genügen. Martha kannte Maria besser als Maria Martha, denn sie hatte schon lange und recht gelebt; denn das Leben gibt das edelste Erkennen. Das Leben erkennt besser als Lust und Licht es vermögen. ... Maria war so erfüllt von Verlangen. Sie sehnte sich, ohne zu wissen, wonach, und sie wünschte, ohne zu wissen, was. Wir haben sie im Verdacht, die liebe Maria, daß sie irgendwie mehr um des wohligen Gefühls als um des geistigen Gewinns willen dagesessen habe. Deshalb sprach Martha: ,Herr, heiß sie aufstehen', denn sie fürchtete, daß Maria in diesem Wohlgefühl stecken bliebe und nicht weiterkäme. Da antwortete ihr Christus und sprach: ,Martha, Martha, Du bist sorgsam, Du kümmerst Dich um vieles. Eines ist not! Maria hat den besten Teil erwählt, der ihr nimmermehr genommen werden kann.' Dieses Wort sprach Christus zu Martha nicht in tadelnder Weise; vielmehr gab er ihr lediglich Bescheid und gab ihr die Vertröstung, daß Maria noch werden würde, wie sie's wünschte."

Martha erscheint als eine lebenserfahrene Frau, die das aktive und das kontemplative Leben in sich integriert hat. Diese Integration befähigt sie, unbelastet und humorvoll mit Christus zu sprechen. Meister Eckhart deutet also Martha nicht als eine Vorstufe zu Maria, sondern sie ist deren Vollendung, denn sie kann aus dem "geübten Grund" ihrer Seele frei und gut in der Welt wirken. Mit dieser Gegenüberstellung ist eine unverhohlene Kritik an bestimmten Maßstäben und Gebräuchen verbunden. Der mystische Weg kann nicht gedeihen, wenn die "lust" (Beglückung), die den "redlichen Nutzen" als minderwertig betrachtet, dominiert. Diesem Irrweg stellt Eckhart sein integratives Modell entgegen. Der Stillstand des Lebens in der Ekstase soll überwunden werden. Maria, die verzückt zu Füßen des Herrn ihren Platz einnimmt, kann daher nicht den Endzustand des auf Gott hin wachsenden Menschen darstellen. Sie ist vielmehr erst am Anfang ihres Lebens, das noch nicht in Gott eingegangen ist. In dieser Phase bedarf sie auch noch der unmittelbaren und gefühlsintensiven Zuwendung Christi. Maria hat den Weg der Schau eingeschlagen, der seine Erfüllung in der jenseitigen Schau Gottes finden wird, - doch dies ist nicht die Vollendung des diesseitigen Lebens. Die Vollendung des irdischen Lebens verkörpert Martha, die "bei den Dingen" und "bei der Sorge" steht. Sie geht in Weisheit mit den Dingen um, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Entscheidend dabei ist nicht, daß sie von der Welt nicht mehr berührt wird, sondern daß sie - obwohl sie von der Welt berührt wird - doch immer aus der Einheit ihres Seelengrundes mit Gott zu wirken vermag und in diesem Wirken Christus nachfolgt. In Martha zeigt sich, wie die Kontemplation zum Handeln und zum Dienst am Nächsten drängt. Für Maria aber gilt es zu lernen, "durch die Beglückung den obersten Wipfel der Seele" nicht so sehr herabzubeugen, daß "er nicht ertrinkt im Wohlgefühl". Vielmehr ist es nötig, den "Wipfel der Seele" in der Abgeschiedenheit zu halten, damit die notwendige Distanz zu Glück und Unglück gewahrt bleiben kann. Martha ist "eins", weil sie die Zweiheit von Gott und Welt in sich aufgehoben hat. Der Hinweis Jesu, daß nur eines notwendig sei, versteht Meister Eckhart als eine Feststellung dessen, was Martha bereits verwirklicht:

"Darum sprach unser Herr zu Martha: ,Unum est necessarium', das besagt so viel wie: Martha, wer ungetrübt und lauter sein will, der muß eines haben, das ist Abgeschiedenheit."

Die Abgeschiedenheit aber wird deshalb nicht gestört, weil Martha in der Einheit ihres Seelengrundes mit Gott lebt. Sie kann "bî den dingen" sein und gleichzeitig in ihrem Inneren die Einheit mit Gott verwirklichen. "Bî den dingen" sein heißt für Martha, nicht "in" den Dingen aufzugehen.
Es geht Meister Eckhart in seiner Darlegung einer innerlichen Frömmigkeit darum, daß der Mensch in der Gottesgegenwart lebt und in dieser Haltung den Alltag gestaltet und in ihm wirkt. Denn nicht Weltflucht oder phlegmatischer Rückzug kennzeichnen die mystische Grundhaltung. Es kommt darauf an, an allen Orten und in jeglichem Tun Gott zu "ergreifen". Damit wendet sich der Bettelmönch Eckhart deutlich gegen die ältere Kontemplationsmystik, und er entlarvt selbstgefällige Frömmigkeit als verbrämte Faulheit:

"Ich wurde gefragt: manche Leute zögen sich streng von den Menschen zurück und wären immerzu gern allein, und daran läge ihr Friede und daran, daß sie in der Kirche wären - ob dies das Beste wäre? Da sagte ich: ,Nein!' Und gib acht, warum.
Mit wem es recht steht, wahrlich, dem ist's an allen Stätten und unter allen Leuten recht. Mit wem es aber unrecht steht, für den ist's an allen Stätten und unter allen Menschen unrecht. Wer aber recht daran ist, der hat Gott in Wahrheit bei sich; wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebensogut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle; wenn anders er ihn recht und nur ihn hat, so kann einen solchen Menschen niemand behindern. Warum? Weil er einzig Gott hat und es nur auf Gott absieht und alle Dinge ihm lauter Gott werden. Ein solcher Mensch trägt Gott in allen seinen Werken und an allen Stätten, und alle Werke dieses Menschen wirkt allein Gott; denn wer das Werk verursacht, dem gehört das Werk eigentlicher und wahrhaftiger zu als dem, der da das Werk verrichtet. Haben wir also lauter und allein Gott im Auge, wahrlich, so muß er unsere Werke wirken, und an allen seinen Werken vermag ihn niemand zu hindern, keine Menge und keine Stätte. So kann also diesen Menschen niemand behindern, denn er erstrebt und sucht nichts, und es schmeckt ihm nichts als Gott."


Meister Eckhart erinnert damit nachdrücklich an den Maßstab, den Jesus von Nazareth im Matthäus-Evangelium selbst so formuliert: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Mt 25,40). Im Kontext mystischer Spiritualität geht die radikale Verwiesenheit der Menschen aufeinander nicht unter.
Die mystische Verzückung ist - wie bereits an der eckhartschen Deutung der Maria von Bethanien gesehen - kein Selbstzweck. Die Erfahrung des Außergewöhnlichen hat eine Schattenseite, die Meister Eckhart wieder und wieder problematisiert: die Verlorenheit an ein süßes, angenehmes oder faszinierendes Gefühl. Er wird aber nicht müde, darauf hinzuweisen, daß es mit "grózer arbeit" verbunden ist, den Dienst der Nächstenliebe zu leisten. Doch dieser konkrete Dienst hat den Vorrang:

"Gesetzt nun, daß es voll und ganz Liebe sei, so ist es doch das Allerbeste nicht. Das wird aus folgendem deutlich: Man soll nämlich von solchem Jubilus bisweilen ablassen um eines Besseren aus Liebe willen und um zuweilen ein Liebeswerk zu wirken, wo es dessen nottut, sei's geistlich oder leiblich. Wie ich auch sonst schon gesagt habe: Wäre der Mensch so in Verzückung, wie's Sankt Paulus war, und wüßte einen kranken Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich erachtete es für weit besser, Du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe. Nicht soll der Mensch wähnen, daß er dabei Gnaden versäume; denn was der Mensch aus Liebe willig läßt, das wird ihm um vieles herrlicher zuteil, wie Christus sprach: ,Wer etwas läßt um meinetwillen, der wird hundertmal soviel zurückerhalten.' (Mt 19, 29)"

Dabei macht Eckhart keine Unterschiede zwischen höheren und niederen Diensten. Für ihn ist es entscheidend, das Naheliegende zu tun und sich nicht in einer Vielheit von Aktivitäten zu verlieren. Die Einheit bleibt vor allem dadurch gewahrt, daß alle guten Werke letztlich der Geburt Gottes in der Seele entspringen. Eine Werkgerechtigkeit, die allein menschlichen Anstrengungen und Leistungen entspringt, lehnt der Dominikaner ab. Gerade deshalb ist das äußere Wirken des Menschen wertvoll. Da alles Sein aus der einen göttlichen Quelle entspringt, gibt es auch für die Engel kein höheres oder niederes Tun, sondern nur die Gelassenheit in bezug auf den Willen Gottes:

"Denn das Werk der Engel ist der Wille Gottes, und der Wille Gottes ist das Werk der Engel; darum wird er [der Engel] nicht behindert an seiner Freude noch an seiner Gleichheit noch an seinen Werken. Hieße Gott den Engel sich an einen Baum begeben und hieße ihn die Raupen davon ablesen, und es wäre seine Seligkeit und wäre Gottes Wille."

Trotz aller Klarheit in Konzeption und Anspruch, erweist sich Meister Eckhart keinesfalls als religiöser Besserwisser oder moralischer Rigorist. Er lehnt das geistliche Eiferertum ab und blickt gütig auch auf die Menschen, die "varnt über sê mit halbem winde". Auch den Halbherzigen ist das Ziel des geistlichen Weges nicht verschlossen:

"Hast Du Dich selbst lieb, so hast Du alle Menschen lieb wie Dich selbst. Solange Du einen einzigen Menschen weniger lieb hast als Dich selbst, so hast Du Dich selbst nie ernsthaft liebgewonnen, - wenn Du nicht alle Menschen so lieb hast wie Dich selbst, in einem Menschen alle Menschen: und dieser Mensch ist Gott und Mensch. So steht es recht mit einem solchen Menschen, der sich selbst lieb hat und alle Menschen so lieb wie sich selbst, und mit dem ist es gar recht bestellt. Nun sagen manche Leute: ich habe meinen Freund, von dem mir Gutes geschieht, lieber als alle anderen Menschen. Das ist unrecht; es ist unvollkommen. Doch muß man's hinnehmen, so wie manche Leute übers Meer fahren mit halbem Winde und auch hinüber kommen. So steht es mit den Leuten, die einen Menschen lieber haben als den anderen; das ist natürlich."

Meister Eckhart versteht die christliche Existenz nicht primär als institutionell und nicht primär als privat. Er unterläuft die Verhältnisse des sozialen Großsystems Kirche und die Forderungen des Einzelnen, indem er den Anspruch Gottes unnachgiebig formuliert. Erst im Leben mit dem inneren Maß Gottes konstituiert sich die Freiheit des Menschen.
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4. Predigt-Programm
Die Predigten Meister Eckharts haben klare Themenschwerpunkte und eine methodische Struktur. Wie sehr der Dominikaner bereit ist, sich und seinen Zuhörern Rechenschaft über die Inhalte seiner Verkündigung abzulegen, zeigt ein Text, in dem er eine Art homiletisches ,Vier-Punkte-Programm' vorlegt:

"Wenn ich predige, so pflege ich zu sprechen von der Abgeschiedenheit und daß der Mensch ledig werden soll seiner selbst und aller Dinge. Zum zweiten, daß man wieder eingebildet werden soll in das einfaltige Gut, das Gott ist. Zum dritten, daß man des großen Adels gedenken soll, den Gott in die Seele gelegt hat, auf daß der Mensch damit auf wundersame Weise zu Gott komme. Zum vierten von der Lauterkeit göttlicher Natur - welcher Glanz in göttlicher Natur sei, das ist unaussprechlich. Gott ist ein Wort, ein unausgesprochenes Wort."

Zwei Aspekte seines Predigt-Programms sollen nun näher betrachtet werden:
a.) Den ersten zentralen Punkt seiner Verkündigungstätigkeit benennt Eckhart mit dem Stichwort "Abgeschiedenheit". Damit zielt er auf einen Zustand, in dem der Mensch frei wird von allem, was ihn auf dem Weg zu Gott hindert. Es geht um den Durchbruch in den Bereich, den Eckhart mit den Begriffen "Ledigkeit", "Weiselosigkeit", "geistige Armut" und "Gelassenheit" umschreibt. Die Abgeschiedenheit ist der Raum menschlicher Existenz, an dem Beschaffenheit und Kausalität überwunden werden. Hier gelten keine Eigenschaften oder Bestimmungen, weil alles Geschöpfliche überstiegen wird. Abgeschieden in diesem Sinne ist nur das "leere Auge", es selbst hat keine Farbe, um auf diese Weise überhaupt farbempfänglich zu sein. Über die Abgeschiedenheit spricht Meister Eckhart häufig in einer bestimmten Argumentationsfigur, der "negatio negationis" (Verneinung der Verneinung). Wenn die Abgeschiedenheit allein durch den Entzug von Eigenschaften beschrieben würde, bliebe sie doch eine Art Hohlform für diese Eigenschaften. Aber Eckhart ahnt in der Abgeschiedenheit die Überwindung aller Vorstellungen und auch der Verneinung dieser Vorstellungen. Gott selbst ist in seinem Wesen die Überwindung aller menschlichen Ansichten, Bilder und Begriffe. Eckhart kennt aus seiner seelsorglichen Praxis offensichtlich auch die Gefahr, Frömmigkeit als egoistischen Selbstbezug zu zelebrieren. Deshalb geht er noch weiter und spricht davon, Gott zu bitten, "daß wir Gottes ledig werden". Oder er schlägt vor, "daß man Gott um Gottes willen lasse". Dabei geht es nicht um eine grundsätzliche Abkehr von der Gottsuche, sondern um die Aufgabe aller Anschauungen, damit Gott in seiner fundamentalen Andersartigkeit nicht eingeschränkt werde. Dieser Gedanke hat seine biblische Grundlage im Bilderverbot der Zehn Gebote. Der Weg in die Abgeschiedenheit verläuft jedoch nicht nur über eine direkte Entscheidung des Menschen. Eckhart spricht davon, daß das Leiden bei diesem Prozeß eine notwendige Funktion übernehmen muß. Das Leid ist das "schnellste Tier", das den Menschen zur Vollkommenheit trägt, denn "es genießt niemand mehr ewige Süßigkeit, als die, die mit Christus in der größten Bitterkeit stehen."
Das Leiden ist in dem Kontext der Abgeschiedenheit allerdings nicht als ein mutwilliges Quälen zu verstehen, denn Gott läßt den Menschen in seiner Not nicht allein:

"Zum dritten sage ich: Daß Gott mit uns im Leiden ist, heißt, daß er selbst mit uns leidet. Fürwahr, wer die Wahrheit erkennt, der weiß, daß ich wahr spreche. Gott leidet mit den Menschen, ja, er leidet auf seine Weise eher und ungleich mehr, als der da leidet, der um seinetwillen leidet. Nun sage ich: Will denn Gott selbst leiden, so soll ich gar billigerweise auch leiden. Noch bleibt der siebte Trostgrund in dem Worte, daß Gott mit uns ist im Leiden und mit uns mitleidet: daß uns Gottes Eigenart kräftig zu trösten vermag. ... Alles, was der gute Mensch um Gottes willen leidet, das leidet er in Gott, und Gott ist mit ihm leidend in seinem Leiden."

Die Demut stellt bei Eckhart einen konstituierenden Faktor für das Erlangen einer rechten Abgeschiedenheit dar:

"Daher kann die vollkommene Abgeschiedenheit nicht ohne Demut sein."

Überhaupt sieht der Dominikaner in der Demut mehr als irgendeine Tugend, denn sie bezeichnet die radikale und prinzipielle Gottbezogenheit des Menschen. In der Demut entbirgt sich dem Menschen der verborgene Gott. Die Grundhaltung der Demut befreit den Menschen von jedweder Selbstbezogenheit. In diesem Sinne ist Eckharts Rede von der "Selbstvernichtung", die ja nicht Selbstbeseitigung meint, sondern die Perspektive des "Selbstüberstiegs" formuliert:

"So auch vermag Gott nicht zu wirken als im Grund der Demut; denn, je tiefer die Demut, um so empfänglicher Gottes. ... Je mehr der Mensch in den Grund rechter Demut versenkt wird, um so mehr wird er versenkt in den Grund göttlichen Seins."

Die Demut ermöglicht die Gottesoffenheit des Menschen, denn er folgt in der Demut dem sich in die Welt entäußerten Gottessohn nach. Diese demütige Hingabe Gottes wurzelt für Eckhart in der Liebe:

"Nun sollst du wissen, daß die liebeträchtige Demut Gott dazu brachte, daß er sich in die menschliche Natur herabneigte."

Die "Abgeschiedenheit" ist eines der Hauptthemen bei Meister Eckhart. Dabei steht er jedoch nicht in der Gefahr, apathisch und gleichgültig zu werden. Im 20. Jahrhundert findet sich bei der französischen Philosophin Simone Weil ein vergleichbares Verständnis von der Funktion des Leidens auf dem Weg zum göttlichen Bereich. Sie nennt es "Unglück". Dieses "Unglück" ist für sie der Königsweg zur Gottesnähe.

b.) Der zweite Punkt des Predigtkonzeptes sieht die "Wiedereinbildung in Gott" vor. Der Mensch ist Geschöpf Gottes, und als solches hat er eine natürliche Tendenz zum Ursprung alles Geschaffenen. Das menschliche Streben ist es, den von Gott vorgesehenen Urbildcharakter zurückzugewinnen, weil allein dieser dem Abbild seine Existenzform verleiht. Es gibt nach Eckhart zwei Formen des Seins. Das "unveränderliche Sein in der Ursache" und das "durch Form bestimmte, veränderliche Sein". Das Ziel des christlichen Weges wird auf diesem Hintergrund so formuliert, daß das "veränderliche Sein" zurückfließt in das "unveränderliche Sein". Den Vorgang dieser Rückkehr faßt Meister Eckhart unter dem Begriff des "Durchbrechens" zusammen. Wenn der Mensch den Durchbruch als Gnade empfängt, kehrt er heim in das ursprüngliche, unveränderliche Sein Gottes:

"... denn mir wird in diesem Durchbrechen zuteil, daß ich und Gott eins sind. Da bin ich, was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt."

Es geht bei der "Wiedereinbildung" also um die Einheit mit Gott, die unvordenklich immer schon in der ewigen Existenzweise des Menschen angelegt war. Eckhart sieht es als Möglichkeit des Menschen an, einzugehen "in die verborgene Heimlichkeit Gottes".
Eines der großen Ideale der Moderne ist "Bildung". Die Bildtheologie der Mystik ist eine wichtige Wurzel für die Vorstellung, daß ein Mensch nach einem Bild "gebildet" werden kann oder "Bildung" haben kann. Die Sprache Eckharts hat auf diskrete Weise die Bildungsvorstellungen der Neuzeit nachhaltig beeinflußt.
Im Rückgriff auf die christliche Tradition, besonders auf Dionysios Areopagita, spricht Meister Eckhart von der "Geburt Gottes in den Gläubigen", um den Prozeß der Einigung von Gott und Mensch zu erläutern. Was einst in Bethlehem mit der Geburt Jesu Christi geschah, das geschieht jetzt und immer in jedem Menschen, wenn dieser es nur wahrnehmen würde:

"Der Vater gebiert seinen Sohn in der Ewigkeit sich selbst gleich. ... Noch sage ich überdies: Er hat ihn geboren aus meiner Seele. Nicht allein ist sie bei ihm und er bei ihr als gleich, sondern er ist in ihr. Und es gebiert der Vater seinen Sohn in der Seele in derselben Weise, wie er ihn in der Ewigkeit gebiert und nicht anders. Er muß es tun, es sei ihm lieb oder leid. Der Vater gebiert seinen Sohn ohne Unterlaß. ... Im innersten Quell, da quelle ich aus im Heiligen Geiste; da ist ein Leben und ein Sein und ein Werk."

Der Vater gebiert seinen Sohn ungebunden von der Zeit, also immer. Meister Eckhart versteht die Geburt Christi nicht primär als ein historisches Ereignis, sondern als ein überzeitliches Geschehen. Deshalb ist die Inkarnation auch unmittelbar auf jede Seele zu beziehen. Jeder Mensch ist darin Kind Gottes, daß Gott sich selbst in der Seele hervorbringt. Und Eckhart geht davon aus, daß Gott diese Geburt im Menschen vollziehen muß, weil sein Wesen durch und durch die sich mitteilende Liebe ist. Ort der Geburt Gottes ist die Seele, oder besser: der Seelengrund. Voraussetzung ist, daß der Mensch sich offen zeigt für die gnadenhafte Gegenwart Gottes. Die Offenheit zeigt sich in der Bereitschaft, leer zu werden. Die in der Geburt Gottes erwachsende Einheit ist in der Erlösungstat Christi begründet. Ziel der Geburt Gottes ist vorrangig nicht die Schau Gottes, sondern die Überformung des ganzen Daseins durch das Sein Gottes. Insofern zielt Meister Eckhart auf eine Seins- oder Gottesmystik.
Der Seelengrund (oder Seelenfunke) ist das Innerste des Menschen, das auf Gott hingeordnet ist. Eckhart versteht den "grunt der sêle" nicht als natürlichen Teil der Seele. Seine Existenz ist Zeichen der gnadenhaften Zuwendung Gottes. Die Geburt Gottes macht den Menschen sich seiner selbst innerlich. In seinem Innersten begegnet der Mensch Gott nicht als einem Gegenüber, sondern er trifft auf Gott als sich selbst, insofern er - der Mensch - dort unmittelbar aus Gott hervorgeht.
Vor diesem Hintergrund ließe sich berechtigterweise die Frage stellen, wie von der "Vergottung" ("deificatio") des Menschen nach den großen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts zu sprechen sei. Vielleicht bietet die Rede Eckharts von der Demut als "einer Wurzel im Grunde der Gottheit" eine Perspektive.
Die Zeitvorstellung hat in diesem Zusammenhang eine wichtige Bedeutung. Eckhart spricht zum einen von dem Kontinuum der geschichtlichen Zeit, in der der Mensch seiner Natur entsprechend lebt. Die Ewigkeit ist allerdings nicht die unendliche Ausdehnung der geschichtlichen Zeit, sondern sie umfaßt diese: Der Himmel ist "über", d.h. jenseits, der Zeit. Die Zeit Gottes ist die Gegenwart. Die Dimension der Ewigkeit verläuft nicht linear, sondern existiert außerhalb dieser kontinuierlichen Abläufe als reine Dynamik:

"Es ist notwendig wahr: Alle Zeit muß dort weg sein, wo diese Geburt anhebt, denn nichts gibt es, was diese Geburt so behindert wie Zeit und Kreatur. Es ist eine gesicherte Wahrheit, daß Zeit weder Gott noch die Seele von Natur aus zu berühren vermag. Könnte die Seele von der Zeit berührt werden, sie wäre nicht Seele; und könnte Gott von der Zeit berührt werden, er wäre nicht Gott. ... Wo Gott in der Seele geboren werden soll, da muß alle Zeit abfallen."

Die Geburt Gottes eröffnet dem Menschen damit eine neue Dimension des Wahrnehmens und Erkennens. Die diesem Erkennen vorausgehende Umformung kann Meister Eckhart in dem Bild von Feuer und Holz erläutern: Das Feuer strebt danach, das Holz dem eigenen Wesen anzugleichen. Überhaupt ist es die Dynamik der Natur, daß sie überall zur Geburt tendiert. In diesem Streben, sich fortzupflanzen, sucht die Natur, der Dynamik des sich mitteilenden Gottes ähnlich zu werden. Das entzündete Holz kommt erst da zur Ruhe, wo es ganz Feuer geworden ist und so als Holz nicht mehr da ist:

"Und unser Herr bat seinen Vater, daß wir mit ihm und in ihm Eins würden, nicht nur vereint. Für dieses Wort und diese Wahrheit haben wir ein sichtbares Bild und ein anschauliches Zeugnis auch äußerlich in der Natur. Wenn das Feuer seine Wirkung tut und das Holz entzündet und in Brand setzt, so macht das Feuer das Holz ganz fein und ihm ungleich und benimmt ihm Grobheit, Kälte, Schwere und Wässerigkeit und macht das Holz sich selbst, dem Feuer, mehr und mehr gleich; jedoch beruhigt, beschwichtigt noch begnügt sich je weder Feuer noch Holz bei keiner Wärme, Hitze oder Gleichheit, bis daß das Feuer sich selbst in das Holz gebiert und ihm seine eigene Natur und sein eigenes Sein übermittelt, so daß es alles ein Feuer ist, beiden gleich eigen, unterschiedslos ohne Mehr oder Weniger. Und deshalb gibt es, bis es dahin kommt, immer ein Rauchen, Sich-Bekämpfen, Prasseln, Mühen und Streiten zwischen Feuer und Holz. Wenn aber alle Ungleichheit weggenommen und abgelegt ist, so wird das Feuer still und schweigt das Holz."

Die Einheit des Menschen mit Gott versteht Meister Eckhart entsprechend als den Raum, wo der Mensch ganz überformt wird von seinem Ursprung, deshalb eins wird mit sich und so Ruhe findet.

5. Literatur
Meister Eckhart, Werke. 2 Bde. Hrsg. v. Niklaus Largier, übers. v. Josef Quint. Frankfurt a.M.. 1993.
Michael Bangert, Mystik als Lebensform. Aschendorff 2003, S. 48-74.
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